Das räumliche und fotografische Imago von Martin Bilinovac
Anlässlich der Ausstellung "Exposure" in der Fotogalerie Wien 2011 Katalogtext


Zumeist fotografiert Martin Bilinovac in Räumen. Man stößt in seinen Bildern u. a. auf Büros und
Konferenzsäle, Bibliotheken, Gänge und Küchen, Badezimmer und Kellerabteile, Garderoben und Ateliers. Die Hinweise auf die Funktion der fotografierten Räume erscheinen ganz unterschiedlich graduiert und
sind hierin auch von den jeweiligen Bildausschnitten und den von Bilinovac fokussierten Details abhängig. So stehen Aufnahmen vollständig eingerichteter Büroräumlichkeiten neben Fotografien, die bisweilen nur durch einen einzigen Gegenstand, ein Möbel oder eine reduzierte Konstellation Hinweise auf die konkrete
Raumnutzung formulieren.

Im gleichen Ausmaß changieren die Bilder des Künstlers zwischen der Aufnahme eines konkreten Objekts, der Verbildlichung einer stilllebenartigen Motivgruppe bzw. der fotografischen Erfassung eines Ensembles. Ebenso differenziert gestalten sich auch die in seinem Werk ausmachbaren Wirklichkeitsbegriffe. Manches
wirkt sachlich-dokumentarisch erfasst, anderes inszeniert, einiges wie in einem transitorischen Zustand wiedergegeben. In den Räumen sind Türdurchgänge und Fensteröffnungen bisweilen provisorisch verbaut, Matratzen in Öffnungen hineingestopft, Möbelstücke seltsam isoliert oder manipuliert. So entstehen bildliche Spannungsgefüge, in denen sich situative Dekonstruktionen mit der Konstruktion
von neuen Wirklichkeitskonstellationen zu überlagern beginnen.

Martin Bilinovacs künstlerische Arbeit erweist sich als Modell mit mehreren Konzeptionssträngen: Einerseits geht es um seine Auseinandersetzung mit konkreten Räumen. In diesen ist Bilinovac sowohl an eruierbaren Codes und sichtbaren Spuren als auch an der Reflexion von (politischen) Raumprogrammen und bedeutungsmäßigen, teils auch ideologischen Zuordnungen interessiert.

Andererseits gibt es seinerseits plastisch-gestalterische Konzeptionen, die reale Dinge, Gegenstände und Möbelstücke arrangieren und in ihrer Objekthaftigkeit sowie Raumwirksamkeit überprüfen.

Drittens ist sein Bilddenken mit besonderer Konsequenz an einen forcierten medienanalytischen Ansatz gekoppelt. Immer wieder führt Martin Bilinovac seine Bilder an einen Punkt, der durch eine spezielle Lichtsituation, einen Ausblick bzw. eine Spiegelung nur in der Fotografie existiert. So macht das fotografische Bild eben genau die transitorischen Zustände, um die sich Bilinovac auch unter dem Aspekt der Inszenierung bzw. der von ihm verfolgten Ikonografie bemüht, sichtbar.

Im Bild verschränkt sich der Realraum mit dem fotografischen Raum zu einer konzeptuellen Tiefe, die immer auch von einem Hang zur Reduktion und einer formalen Strenge bestimmt wird. Kompositorisch achtet Bilionovac auf Frontalansichten, Zentrierungen und symmetrische Bildanlagen. Bisweilen entsteht ein bühnenbildartiger Raum, der sich in seiner kulissenartigen Wirkung kongenial mit dem modellhaften Charakter der Inszenierung verschränkt.

In einer gegenwärtigen künstlerischen Praxis treffen die Fotografien von Martin Bilinovac ein differenziertes Feld an möglichen Vergleichen: abgesehen von den Raumkonstruktionen Gregor Schneiders, den Leerraumbeobachtungen von Laurenz Berges und den Interieurtransfers von Ricarda Roggan vermittelt sich Bilionvacs Bilddenken als spezielle Zusammenführung von persönlicher und apparativer Wahrnehmung. Seinerseits werden keine Beobachtungen dokumentiert. Vielmehr werden Situationen als Imaginationen räumlich und fotografisch generiert.